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Der Altwürttemberger

Altwürttemberger-Hengst Ehrmann (Foto: Stephan Kube)
Altwürttemberger-Hengst Ehrmann (Foto: Stephan Kube)

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde in ganz Deutschland begonnen, die vorwiegend für die Landwirtschaft zu nutzenden Landespferdezuchten zu organisieren. Im heutigen Baden-Württemberg hatte das damalige Hofgestüt in Marbach schon weit vor dieser Zeit bedeutenden Einfluss. Mit der Aufstellung des Hengstes FAUST im Jahr 1888 wurde die Landespferdezucht auf ein vielseitig nutzbares Wirtschaftswarmblutpferd ausgerichtet. Besonderen Einfluss nahmen weitere Hengste dieser seinerzeit als „Anglo-Normanne“ bezeichneten Rasse, sowie auch arabische Hengste aus dem königlichen Gestüt Weil und in geringerem Maße Ostpreußen und Hannoveraner bzw. Brandenburger. Das Zuchtziel „Herr und Bauer“ hatte bis in die 1960er Jahre Bestand und war nur geringen Veränderungen unterworfen. Dabei unterschied sich der Württemberger in seiner Ausrichtung auf den gedrungenen, tiefrumpfigen Cob-Typ von anderen Zuchtgebieten, die den Anschluss an den Oldenburger suchten. Die Notwendigkeit der Umzüchtung zum Reitpferd führte ab etwa 1960 fast zum Verschwinden des Württembergers. 1969 war mit dem Hengst FREISOHN letztmalig ein Vertreter dieser Rasse auf Deckstation.
1980 ergab noch einen Bestand von 160 zuchtfähigen Stuten, von denen aber nur ein Teil zum Einsatz kamen. 1988 erfolgte die Gründung des Fördervereins für den nun als Altwürttemberger bezeichneten Pferdetyp. Mangels geeigneter Vatertiere wurden zu Beginn der Reaktivierung dieser Zuchtrichtung u.a. mehrere Hengste der Rasse Schweres Warmblut eingesetzt. 1992 kam mit dem Hengst SORENT erstmals ein Hengst aus dem eigenen Zuchtgebiet zum Einsatz, der sich nachhaltig vererben konnte. Um dem gewünschten Zuchtziel - einem vielseitig einsetzbaren schwereren Warmblutpferd mit gutem Temperament und Gesundheit - näher zu kommen, wurden in der von Passion und Individualismus geprägten Züchterschaft unterschiedliche Wege genutzt, die auch zu Verzögerungen des notwendigen Zuchtfortschrittes führten. Die Beschlüsse der Züchterversammlung im Jahr 2008 in Bad Boll führten dann zu einer Neuausrichtung. Mit einer weiteren Systematisierung der Zuchtpopulation, die etwa 70 zuchtfähige Stuten umfasst, wurde zusätzliche Hilfe zu effizienter Weiterentwicklung einer gefährdeten Nutztierrasse gegeben. Zukünftig gilt es, die verbliebenen 22 Stutenfamilien zu stabilisieren und die genetische Bandbreite durch geeignete Maßnahmen zu erhalten. Im Zuchttierbestand ist der Rassetyp in seiner Abgrenzbarkeit zu ähnlichen Rassen zu festigen, und die rassetypischen Nutz- und Gebrauchseigenschaften müssen betont werden. Zur Stützung der Rasse ist die enge Zusammenarbeit von Züchtern, Zuchtverband und Haupt- und Landgestüt Marbach unabdingbar. (Dipl.-Ing. agr. Mathias Vogt)

Zuchtversuch zur Erhaltung der bedrohten Rasse Altwürttemberger
2008 wurden bei einer Rassegruppenversammlung einschneidende Beschlüsse zu einem Zuchtprogramm für die bedrohte Haustierrasse Altwürttemberger gefasst: Für Hengste wurde die HLP-Pflicht eingeführt, bei Stuten ist der Nachweis von Fahr- oder Reiteignung gewünscht. Für jedes eingetragene Zuchttier wurde ein Altwürttemberger Blutanteil (sechs Generationen) berechnet. Ab 2010 wurden nur noch Fohlen mit einem Mindestblutanteil von 12,5 % als Altwürttemberger registriert.
2013 sollte das Zuchtbuch geschlossen werden mit der Maßgabe, dass nur noch
Stuten eingetragen werden können, die diese 12,5 % Blutanteil mitbringen. Nach einer von Dipl.-Ing. agr. Mathias Vogt vorgenommenen Berechnung sieht das Populationsmittel beim Blutanteil derzeit folgendermaßen aus:
Geburtsjahrgänge 1980 bis 1989: 36,48 %
Geburtsjahrgänge 1990 bis 1999: 30,63 %
Geburtsjahrgänge 2000 bis 2004: 40,93 %

Die anlässlich einer Zuchtschau (Bestandaufnahme) im August 2010 in Marbach präsentierten 45 Pferde hatten im Mittel einen Blutanteil von 31,69 %. An das Haupt- und Landgestüt Marbach wurde der Wunsch herangetragen, an die Wurzel des Stammvaters FAUST anzuknüpfen und nach einem Hengst aus der ehemaligen
Gründerrasse, dem Cob Normand, zu suchen. Parallel wurde auch ein vielversprechender Junghengst aus der Landeszucht erworben, der die Hoffnungen leider nicht erfüllen konnte. Die Hengstsuche in Frankreich war erfolgreich. Mit Spannung darf man jetzt abwarten, wie groß der Mut der Züchterschaft ist, den dreijährigen, im französischen Staatsgestüt Saint Lô gekörten Cob Normand ULYSSE DES PRES (genannt „ULI“) zu nutzen. Um die Züchter zu ermutigen, mit den „hochprozentigen“ Stuten zu dem Junghengst zu ziehen, wurde die Decktaxe niedrig gehalten und der Ankauf von Hengstfohlen aus wertvollen, möglichst geprüften Stuten zugesagt. Die Fohlen aus dem Zuchtversuch mit dem neuen Landbeschäler ULYSSE DES PRES werden mit dem Blutanteil ihrer Mutter gleichgesetzt. (Gert Gussmann, Zuchtleiter; PZV Baden-Württemberg)

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