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01.04.2016

KoPF

Wahrnehmung bei Pferden


(Dr. Ursula Pollmann, CVUA Freiburg, Fachbereich Ethologie und Tierschutz)

Wenn der Mensch davon ausgeht, dass das Pferd die Umwelt genauso wahrnimmt wie er selbst, sind Probleme vorprogrammiert

Pferde verfügen in vielen Bereichen über eine leistungsfähigere Wahrnehmung als der Mensch. Da das Gehör und der Geruchssinn beim Pferd im Gegensatz zum Menschen äußerst gut entwickelt sind, besteht hier eine große Gefahr für Missverständnisse. Pferde haben zudem die außergewöhnliche Fähigkeit, kleinste Veränderungen in der ihnen vertrauten Umgebung wahrzunehmen, aber auch Bewegungen in der Ferne und Nähe sowie in verdecktem Gelände. Pferde können zudem Erdbeben lange vor dem Menschen wahrnehmen. Das Heimfindevermögen der Pferde beruht nach heutigen Erkenntnissen nicht auf einer Art innerem Kompass oder der Orientierung an den Sternen, sondern auf der Erinnerung an die optischen und zusätzlich möglicherweise auch an die geruchlich identifizierten Wegmarken.

Pferde haben als Fluchttiere extrem gut entwickelte Sensoren für Anspannung und Gefahr und reagieren auch auf menschliche Verhaltensweisen und Stimmungen äußerst sensibel. Sie spüren oft früher als wir selbst, was wir empfinden und sie lassen sich von Äußerlichkeiten kaum täuschen. So bestand auch die lange Zeit vermutete Intelligenz des „klugen Hans“ einfach in einem Lernvorgang. Dabei waren die außergewöhnliche Aufmerksamkeit auf geringfügigste Zeichen und schließlich unbewusste Äußerungen seines Lehrmeisters und des Publikums die maßgeblichen Faktoren für die „Rechenkünste“ dieses Pferdes. Aufgrund dieser Fähigkeit ist es u.a. auch möglich, dass Pferde und Reiter unter der Anwendung von feinsten Signalen kommunizieren können. Untersuchungen lassen andererseits aber auch darauf schließen, dass Pferde die Nervosität von Reitern erkennen können und entsprechend darauf reagieren. Und wer hat es nicht schon selbst erlebt? Wenn man selbst am Gelingen einer Aufgabe (z. B. Verladen) auch nur die geringsten Zweifel in sich verspürt – das Pferd wird diese registrieren und die Sache wird schwierig werden.

In einem Experiment wurde Pferden ein Artgenosse gezeigt und dazu das Rufen eines anderen Artgenossen eingespielt. Die Pferde antworteten daraufhin schneller und schauten signifikant länger in die Richtung, aus der der Ruf kam, als wenn der Ruf zum gerade gesehenen Herdenmitglied passte. Dies lässt vermuten, dass die Pferde bemerkt haben, dass hier eine nicht zusammenpassende Kombination vorlag. Dies bedeutet aber auch, dass bei Pferden eine Verknüpfung des Bildes von bekannten Individuen vorhanden zu sein scheint, welche aus verschiedenen Sinnesempfindungen (sehen, hören riechen) besteht. Pferde erkennen so auch Menschen am Aussehen, der Stimme und wahrscheinlich auch am Geruch und haben Erwartungen an das individuelle Verhalten von ihnen bekannten Personen. Jede Abweichung wird registriert und kann zu Irritationen führen.

Es ist also durchaus wichtig, sich mit der Wahrnehmungsfähigkeit des Pferdes intensiv zu beschäftigen, wenn man das Verhalten von Pferden richtig einschätzen bzw. vor – oft nicht ungefährlichen - Überraschungen im Umgang mit Pferden gefeit sein will. Leider machen es sich viele Pferdebesitzer diesbezüglich einfach und bewerten für sie unverständliche Reaktionen als „Spinnerei“. Sie bedenken dabei aber nicht, dass jede unberechtigte Abweisung oder gar Bestrafung vom Pferd nicht verstanden werden kann und zu Unsicherheit und Vertrauensverlust führt.

Den ausführlichen Bericht finden Sie unter Fachinformationen/Fütterung und Haltung

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